Viele Mitarbeiter in handwerklichen Betrieben sind großen Belastungen für Hände, Arme und Rückenmuskulatur ausgesetzt, beispielsweise aufgrund von Schleif- und Schrupptätigkeiten. Beim Einsatz vibrierender Handwerkzeuge treten oft intensive, wiederholte Schwingungsbelastungen auf. Übersteigen diese bestimmte Werte, können die Tätigkeiten das HAVS-, auch Weißfingerkrankheit oder Raynaud-Syndrom hervorrufen.
Am Anfang kribbelt oder sticht es „nur“
Diese Krankheit verursacht Schäden an Blutgefäßen und Nerven in den Fingern und Händen, an Muskeln, Arm- und Handgelenken. Anfangs werden die Fingerspitzen taub, es kribbelt oder sticht in den Fingern. Auch wenn diese Empfindungen kommen und gehen können und kein Beweis für HAVS sind, sollten sie als mögliche Frühindikatoren ernst genommen werden. Im Laufe der Zeit werden die Symptome schwerwiegender. Zuweilen bleibt die Taubheit in den Fingern dann dauerhaft, wodurch die Betroffenen im Alltag stark beeinträchtigt sind. Dann kann es schon problematisch werden, ein Hemd auf- oder zuzuknöpfen.
Das HAVS kann im Prinzip alle treffen, die häufig und länger mit vibrierenden Handwerkzeugen arbeiten. Die Schlüsselfaktoren sind der Vibrationspegel sowie die Nutzungszeit pro Schicht (auch "Expositionsdauer" genannt). Die Vibrationen müssen von den Werkzeugherstellern als Beschleunigungswert angegeben werden, ausgedrückt in der physikalischen Einheit "Meter pro Quadratsekunde" [m/s2]. Beide zusammengenommen, Vibrationspegel und Nutzungszeit, können einen Hinweis auf das mögliche Gefährdungspotenzial eines Mitarbeiters geben. Das Gute ist: Wer die Gefährdungen kennt, kann HAVS in seinem Betrieb vermeiden. Das Tückische an der Krankheit: Wenn sie ein- oder auftritt, bleibt sie bei den Betroffenen oft für immer.
Sicherheitsbeauftragte sollten sich die folgenden Fragen stellen
- Arbeiten Beschäftigte in unserem Betrieb täglich vergleichsweise lange mit vibrierenden Handwerkzeugen, wie Schleifmaschinen, Meißelhämmern oder Schlagschraubern? (Was "lange" in diesem Zusammenhang bedeutet, wird weiter unten erklärt und in einer Tabelle zusammengefasst.)
- Hat schon einmal jemand nach der Benutzung von Handwerkzeugen über Taubheit oder weiß gewordene Finger geklagt, haben Hände nach Temperaturänderungen (wenn sie kalt oder nass wurden) begonnen zu schmerzen?
Wenn das der Fall ist – oder es sich nicht sicher ausschließen lässt –, könnten Teile der Belegschaft in Gefahr sein, ein Hand-Arm-Vibrationssyndrom zu entwickeln oder es schon entwickelt haben. Dann sollten in jedem Falle Maßnahmen ergriffen werden.
Feststellen, ob eine Anwendung gefährlich ist: Auslöse- und Grenzwert
Zwei Faktoren spielen eine Rolle dabei, ob Beschäftigte bei der Arbeit mit angetriebenen Werkzeugen gefährdet sind: erstens, wie stark das Werkzeug vibriert, und zweitens, wie lange damit gearbeitet wird.
- Der Vibrationspegel eines Handwerkzeugs wird in der Regel vom Hersteller im Handbuch oder in der Betriebsanleitung des Werkzeugs als Beschleunigungswert (in m/s²) angegeben. Er entspricht der Stärke der im Einsatz auftretenden Schwingungen und muss anhand der ISO 28927 berechnet werden. Diese Richtlinie beschreibt Messverfahren zur Ermittlung der Schwingungsemission an handgehaltenen motorbetriebenen Maschinen - im Teil 1 etwa für Winkelschleifer und Vertikalschleifer. Um zu berechnen, wie lange die Hand den potenziell gefährlichen Schwingungen ausgesetzt ist, wird die Vibrationszeit pro Arbeitszyklus oder Stunde multipliziert mit der Anzahl der Zyklen oder Arbeitsstunden, die das Werkzeug pro Tag benutzt wird.
- Die wichtigste Norm, in der festgelegt ist, wie lange jemand ein Werkzeug sicher bedienen kann, ist die EU-Richtlinie 2002/44/EG, die in Deutschland in der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung umgesetzt wurde. Sie gilt weltweit als wichtigste Referenz zum Thema HAVS. Darin wird im Wesentlichen festgelegt, was ein Arbeitgeber tun muss, um die Vibrationsbelastungen, denen seine Angestellten ausgesetzt sind, zu kontrollieren. Vorgegeben sind (1) der sogenannte tägliche Auslösewert sowie (2) ein Grenzwert für die maximale Belastung durch Hand-Arm-Vibrationen. Beide Werte sind auf einen 8-Stunden-Arbeitstag normiert.
Sobald der tägliche Auslösewert überschritten wird, muss der Arbeitgeber erste Maßnahmen ergreifen, um die Vibrationsbelastung zu reduzieren. Belastungen oberhalb des Grenzwertes sind nicht zugelassen. Das heißt, der Mitarbeiter darf nicht weiterarbeiten, wenn der Grenzwert überschritten wird. Der Arbeitgeber ist dann verpflichtet, herauszufinden, warum der Grenzwert überschritten wurde und soll in der Folge sicherstellen, dass dies nicht wieder geschieht.
In der EU-Richtlinie 2002/44/EG bzw. der deutschen Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung wurde der tägliche Expositionsgrenzwert für Hand-Arm-Vibrationen, normiert auf einen Bezugszeitraum von 8 Stunden, auf 5 m/s2 festgesetzt. Der tägliche Auslösewert, auf den gleichen Bezugszeitraum normiert, liegt bei 2,5 m/s2. Durch die quadratische Funktion vervierfacht sich die mögliche Einsatzdauer, wenn ein Werkzeug mit halb so hohem Schwingungspegel verwendet wird, wie die Tabelle anhand beispielhafter Werte verdeutlicht.
Zu beachten ist, dass die von den Herstellern angegebenen Schwingungswerte nur Anhaltspunkte sind. Grundsätzlich sollten die Vibrationen unter den tatsächlichen Bedingungen der Anwendung gemessen werden - was allerdings nicht immer möglich ist. Daher sollte der angegebene Wert mit einem Sicherheitskoeffizienten multipliziert und die ISO 5349 für weitere Informationen zur Messung der Vibrationsstufe herangezogen werden. Diese Norm befasst sich mit mechanischen Schwingungen, insbesondere der "Messung und Bewertung der Einwirkung von Schwingungen auf das Hand-Arm-System des Menschen".
Checkliste: So senken Sie die Vibrationsbelastung
Es gibt zahlreiche Maßnahmen, mit denen Sie das Risiko durch zu hohe Vibrationen minimieren können. Die Begrenzung der Vibrationsbelastung durch ein geeignetes Werkzeug ist eindeutig die wichtigste. Aber Sie sollten auch einige weitere Punkte im Blick haben, um sich selbst, die Kollegen oder Ihre Mitarbeiter zu schützen. Hier die wichtigsten Tipps:
- Wählen Sie ein Werkzeug, das möglichst wenig vibriert. Achten Sie zum Beispiel bei Winkelschleifern darauf, dass ein Autobalancer (ein auf der Antriebswelle der Schleifmaschine sitzender, automatischer Unwuchtausgleicher) und ein vibrationsdämpfender zweiter Handgriff vorhanden sind. Probieren Sie im Zweifel verschiedene Werkzeuge aus und wählen Sie eines, das in Ihren Fingern - nach kurzer Test-Anwendung - kein Kribbeln oder Taubheitsgefühl auslöst oder das Ihnen am angenehmsten erscheint.
- Stellen Sie sicher, dass Ihre Werkzeuge richtig gewartet sind.
- Verwenden Sie grundsätzlich das am besten geeignete Werkzeug für die Anwendung. Da bei der Vibrationsexposition vor allem die Zeitspanne der Anwendung zählt, sollten Sie ein möglichst leistungsstarkes, effizientes Werkzeug wählen, mit dem Sie die Arbeit schneller erledigen können als mit anderen, vielleicht leichteren. Am besten ist natürlich die Kombination "leicht UND leistungsfähig".
- Wenn sich starke Vibrationen nicht vermeiden lassen, begrenzen Sie bei diesen Anwendungen die Arbeitsdauer je Schicht. Bei Arbeiten mit starken Vibrationen kann der Bediener innerhalb von Minuten eine potenziell schädliche Schwingungsdosis erhalten. Dafür ein Beispiel: Bei Anwendungen mit hohen Vibrationen von 20 m/s² ist der Grenzwert, bei dem ein Arbeitgeber Maßnahmen zur Begrenzung der Vibrationen ergreifen muss, schon nach nur 8 Minuten erreicht.
- Halten Sie das Werkzeug locker, drücken Sie den Griff nur wenn nötig.
- Halten Sie die Hände warm, und versuchen Sie, direkten Kontakt mit kalten Handgriffen zu vermeiden. Bewahren Sie das Werkzeug korrekt auf und lassen Sie es nicht über Nacht draußen liegen.
- Nehmen Sie sich regelmäßige Auszeiten. Vermeiden Sie lange Sequenzen bei hohen Vibrationen, und versuchen Sie, andere Aufgaben einzuschieben.
Autor: Thomas Preuß, Journalist in Königswinter
Bild: Winkelschleifer sollten möglichst wenig vibrieren. Bei der Auswahl dieser Werkzeuge sollte darauf geachtet werden, dass ein Autobalancer und ein vibrationsdämpfender zweiter Handgriff vorhanden sind.
Quelle: Chicago Pneumatic

