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„Es liegt an uns, die Zukunft zu gestalten“

Wir haben mit Guido Müller über die aktuelle Lage sowie andere wichtige Themen im Handwerk gesprochen.

Das Maler- und Lackiererhandwerk hat in den vergangenen Jahren von einer guten Auftragslage profitiert. Denn viele Privatkunden haben während der Corona-Pandemie in ihr Zuhause investiert. Diese Zeiten sind jedoch laut Guido Müller, Präsident des Bundesverbands Farbe Gestaltung Bautenschutz vorbei. Über die aktuelle Lage sowie über andere wichtige Themen im Handwerk haben wir mit ihm im Interview gesprochen.

DER MALER: Herr Müller, wie hat sich das Malerhandwerk in den letzten Jahren entwickelt und welche Trends zeichnen sich ab?

Guido Müller: Nach der guten Auftragslage in den Corona-Jahren schwächt sich die Nachfrage ab. Das werden größere Betriebe, die einen stärkeren Umsatzanteil mit Neubauprojekten generieren, spätestens im nächsten Jahr spüren. Was uns aber schon heute beschäftigt ist die zunehmende Zurückhaltung bei den Privatkunden. So hat unsere Konjunkturumfrage mit forsa ergeben, dass Kleinstbetriebe aktuell einen 25-prozentigen Rückgang in ihrem Auftragsvorlauf verzeichnen.

Das liegt aber nicht allein an vorgezogenen Investitionen. Steigende Materialpreise, Zinsen und die Inflation sorgen dafür, dass sich Verbraucher bei Investitionen zunehmend zurückhaltend zeigen. Dazu kommt, dass sie massiv durch die seit vielen Monaten geführte Wärmepumpen-Diskussion der Bundesregierung verunsichert sind. Das geht soweit, dass unsere Betriebe – angesichts der für die Verbraucher drohenden Gefahr unbezahlbarer Investitionen in Heiztechnik – viel weniger Aufträge für Gebäudesanierungen bekommen. Dabei ist es unsinnig, eine energieeffiziente Heizanlage in ein energetisch unsaniertes Gebäude stellen zu wollen. Ohne unsere Kompetenz in der Wärmedämmung wird das mit der „Wärmewende“ nichts.

MALER: Und welche technischen Herausforderungen sehen Sie derzeit und wie werden diese bewältigt?

Müller: Der gesellschaftliche Trend hin zu mehr Gesundheitsbewusstsein ist auch bei uns im Maler- und Lackiererhandwerk angekommen. Wir sehen, dass die Nachfrage unserer Kunden nach ökologisch einwandfreien Materialien steigt. Für die Hersteller bedeutet das, dass sie immer strengeren Schadstoffrichtlinien und Einsatzbegrenzungen gerecht werden müssen. Wir hingegen müssen uns diesbezüglich in der Verarbeitung umstellen und unsere Kunden fachgerecht dazu beraten.

Ein weiteres großes Thema ist für uns das „Bauen 4.0“ und die Digitalisierung von Bau- und Managementprozessen. Als Handwerk müssen wir uns hier früh einklinken, damit wir als integraler Bestandteil der Wertschöpfungskette abgebildet werden. Entsprechend engagiert verfolgen wir deshalb die derzeitigen strategischen Bemühungen. Denn nur der Zugang zu relevanten Daten und digitalen Tools wird es uns möglich machen, zukünftige Herausforderungen und steigende Berichtspflichten, wie zum Beispiel rund um das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz oder der zentralisierten Stammdatenbereitstellung, zu bewältigen.

MALER: Inwieweit hat die Digitalisierung Einzug in das Malerhandwerk gehalten und welche Vorteile ergeben sich daraus?

Müller: Das ist ein sehr weites Feld und fängt zum Beispiel schon beim Marketing an. Viele Betriebe investieren gerade massiv in die Online-Ansprache von Kunden. Aber auch neue Mitarbeiter und Auszubildende werden verstärkt im Internet und in den sozialen Netzwerken gesucht. Das führt dazu, dass wir im Moment eine starke Professionalisierung im Umgang mit den sozialen Medien sehen, was sich auch in einer wachsenden Zahl junger Influencer, die dort unser Handwerk präsentieren, niederschlägt. 

Die Digitalisierung reicht aber natürlich noch viel weiter. So ist sie in unseren Betrieben im Rahmen der Prozessintegration von betriebswirtschaftlichen Systemen, der Logistik und der Baustellenplanung ungeheuer wichtig. Dadurch können große Betriebe die Effizienz ihrer Abläufe enorm steigern. Aber auch kleine Betriebe profitieren von digitalen Lösungen: Sie vereinfachen den Kundenzugang sowie logistische und buchhalterische Prozesse. Zwar gibt es bisher dafür noch keine wirklichen Standards, aber wir sehen, dass die Anwendungen immer mehr zusammenwachsen. In dieser spannenden Phase sollten wir die Scheu vor digitalen Systemen ablegen und damit experimentieren. Denn in ihnen steckt ein großes Potenzial, das es für uns zu heben gilt.

MALER: Ein weiteres Dauerthema momentan ist die Arbeitszeiterfassung. Wie hat sich diese im Malerhandwerk verändert und welche Auswirkungen hat dies auf die Arbeitsorganisation und die Produktivität?

Müller: Die Arbeitszeiterfassung wird oft als lästige Pflicht empfunden, dabei kann sie auch eine Chance für die Betriebe sein. In der Grundlage verlangt der Gesetzgeber ja zunächst nur, dass Beschäftigten eine Arbeitszeiterfassung angeboten wird – zum Beispiel mit einem einfachen Zettel oder einer mobilen App. Gerade letztere kann aber von großem Vorteil sein, weil Betriebe die Daten nutzbar machen können. So lässt sich durch die Verknüpfung der Zeiterfassung mit Bau- und Einsatzplanungen, logistischen Prozessen oder Dokumentationen die Effizienz von Abläufen erhöhen und Zeit- und Kosteneinsparungen realisieren.

MALER: Schauen wir auf Umweltaspekte und Nachhaltigkeit: Wie wird dies in Betrieben umgesetzt?

Müller: Das Maler- und Lackiererhandwerk legt einen starken Fokus auf Sanierungen. Betriebe sorgen dafür, dass vorhandener Wohnraum erhalten und dessen Wert gesteigert wird. Damit sind wir per se und traditionell nachhaltig unterwegs. Hinzu verarbeiten Maler neue nachhaltige Materialien, die dem wachsenden Kundenbedürfnis entsprechen. Aber auch innovative Werkzeuge und Ideen – von der Wasseraufbereitung bis zur Entsorgung – werden von der Industrie entwickelt und von uns Malern eingesetzt. Nachhaltigkeit ist damit kein Modewort, sondern in unserem Handwerk schon lange angekommen.

MALER: Welche Rolle spielt die Aus- und Weiterbildung von Malerinnen und Malern, um mit den technischen und digitalen Entwicklungen Schritt zu halten?

Müller: Wir sind gerade mit einer neuen Ausbildungsordnung gestartet, die uns mit ihren fünf Spezialisierungen gut auf die Herausforderungen der nächsten Jahre vorbereitet. Darauf allein können wir uns aber nicht ausruhen. In unserer Zukunftsstudie zum Malerhandwerk 2040 haben fast die Hälfte der Befragten angegeben, dass sie sich – angesichts des zunehmenden Einsatzes von Robotik und Sensorik – einen Ausbildungsberuf „Malertroniker“ gut vorstellen können. Das ist kein Hirngespinst. Ähnliche Trends sehen wir bereits seit einiger Zeit in anderen Gewerken.

Wir müssen zudem das Weiterbildungsangebot deutlich ausbauen und insbesondere auf die jüngeren Generationen ausrichten. Wenn wir lebenslanges Lernen fördern wollen, muss das Lernen Spaß machen. Deshalb gehen wir noch in diesem Jahr mit unserer Digitalen Lernwelt an den Start. Darin sind über 400 Lerneinheiten zu allen Aspekten des theoretischen Malerwissens zu finden. Die Digitale Lernwelt wird zudem mit Edutainment-Elementen, wie zum Beispiel Quizfragen, angereichert werden.

MALER: Welche Maßnahmen ergreift der Bundesverband, um die Interessen der Malerbetriebe zu vertreten und die Branche voranzubringen?

Müller: In dieser Hinsicht sind wir breit aufgestellt, wahrscheinlich sogar breiter als die meisten anderen Verbände. Aber nicht alles davon ist sichtbar. So sind wir in allen relevanten deutschen und europäischen Normungsinstitutionen vertreten und aktiv. Wir verhindern dort, dass bau- und produktbezogene Normungen zu Lasten unserer Handwerksbetriebe gehen. Zudem handeln wir bundesweit die Tarifverträge aus, was für Fairness in der Branche sorgt.

In zahlreichen Gremien mit der Industrie erarbeiten wir Standards für die Arbeit auf der Baustelle. Die BFS-Richtlinien sind beispielsweise ein Ergebnis unserer Arbeit. Diese werden wir, zusammen mit zahlreichen baurechtlichen Hilfestellungen, ab nächstem Monat unseren Betrieben in einer App zur Verfügung stellen.

Natürlich gehören auch die Erarbeitung von bundesweiten Ausbildungs- und Prüfungsordnungen, Rahmenlehrplänen etc. zu unseren Aufgaben. Sie sind ein weiterer wichtiger Pfeiler für die Integrität, Innovationskraft und Qualität in unserem Handwerk. Anstehende Investments in das Thema Weiterbildung habe ich bereits erwähnt.

In dieser Arbeit und mit unseren Anliegen sind wir nicht allein unterwegs. Die Einbindung in den Zentralverband des Deutschen Handwerks und die Kooperation im Internationalen Malerverband UNIEP sichert uns Einfluss.

Um in all diesen Prozessen aktiv zu sein und etwas zu bewirken, brauchen wir Kraft und hochqualifiziertes Personal. Zuletzt haben wir uns deshalb in den Bereichen Controlling, Recht, Pressearbeit und im Bereich der Fahrzeuglackierer verstärkt.

MALER: Wie sehen Sie die Zukunft des Malerhandwerks im Hinblick auf neue Technologien, Digitalisierung und demografische Veränderungen?

Müller: Ich sehe mit hohen Erwartungen und Zuversicht in die Zukunft des Maler- und Lackiererhandwerks. Auf uns warten große Veränderungen, für die wir uns schon heute rüsten. Megatrends wie Gesundheit und Nachhaltigkeit werden weiter die Qualitätsansprüche der Kunden an uns und die eingesetzten Materialien erhöhen. Dadurch haben wir aber auch die Möglichkeit, uns als Spezialisten für nachhaltiges, gesundes Sanieren, Bauen und Leben zu positionieren.

Die Digitalisierung wird unseren Betriebsalltag erheblich erleichtern. So werden zukünftig Tätigkeiten, wie Planung, Logistik, Baustellenmanagement sowie Angebots- und Rechnungserstellung durch „intelligente“ digitale Lösungen erledigt. Dies wird uns wieder mehr Raum für das schaffen, was wir an unserem Beruf lieben: das handwerkliche und kreative Arbeiten.

Die Entlastung von bürokratischen und administrativen Tätigkeiten wird aber noch einen zweiten positiven Effekt haben: Unser Beruf wird für junge Menschen wieder attraktiver sein. Wenn wir dann auch noch neue Technologien, wie BIM, Smart Home, Robotik, Datenbrillen und Exoskelette, einsetzen, werden wir den Nachwuchs sichern und einen Teil des demografischen Wandels kompensieren können.

Es liegt an uns, die Zukunft zu gestalten.

MALER: Herr Müller, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Kyra Kutter

(Bild: Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz, Bettina Koch)

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