Die Innung Ulm zählt 28 aktive Mitglieder. Obermeister Sihler erinnert sich, dass die Mitgliederanzahl in den 70er Jahren einmal bei über 100 lag. Er führt den Rückgang zum Teil darauf zurück, dass die Anzahl der Betriebe in der Region sukzessive abgenommen hat. „Es ist sehr schwierig geworden, Nachfolger für Betriebe zu finden. Viele Inhaber schließen ihre Firmen deshalb und hören auf“, sagt Sihler. Er befürchtet, dass dies in den nächsten Jahren verstärkt so weiter gehen wird.
Der Obermeister wünscht sich für das Maler- und Lackiererhandwerk einen Aufschwung – der sich dann auch in der Mitgliederanzahl der Innungen widerspiegelt. „Wir sind in der Innung eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt. Davon können Betriebe nur profitieren“, sagt er. Neben der üblichen Innungsarbeit, bietet Sihler den Mitgliedern regelmäßig die Möglichkeit an Führungen durch historische Gebäude und Institutionen teilzunehmen. Im September letzten Jahres organisierte er beispielsweise eine Führung durch die Bundesfestung Ulm, die im 19. Jahrhundert als Europas größte Festungsanlage galt.
Dem Obermeister liegen die Belange der Betriebe am Herzen. So bedeutet Innungsarbeit für ihn zuallererst, Unterstützung in den unterschiedlichsten Bereichen zu bieten. Um auf die Wünsche seiner Mitglieder stärker eingehen zu können, wird zukünftig ein Fragebogen ausgearbeitet, den er an die Betriebe versendet. „Anhand des Fragebogens kann ich sehen, welche Änderungswünsche und Anregungen die Betriebe haben und die Innungsarbeit dahingehend ausrichten.“ Den Fragebogen sendet er auch an Betriebe, die kein Mitglied in der Innung sind. So möchte er diesen zeigen, dass sie mit der Innung einen verlässlichen Ansprechpartner haben.
Alles aus einer Hand?
Sihler führt seinen eigenen Malerbetrieb mit sechs Mitarbeitern in Langenau (Alb-Donau-Kreis). Diesen hat er von seinem Vater übernommen. Dadurch hat er hautnah miterlebt, wie sich die Tätigkeiten im Maler- und Lackiererhandwerk gewandelt haben: „Heute führen Betriebe nicht mehr nur klassische Maler- und Lackiererarbeiten aus. Sie bieten Leistungen von Trockenbau, Wärmedämmung, Bodenbelag, Stuckateurarbeiten, energetische Sanierung und vieles mehr.“ Denn viele Kunden erwarten heute, dass „alles aus einer Hand“ kommt. Oft ist die Konzentration auf die Kerntätigkeiten deshalb gar nicht mehr möglich.
„Gerade kleine Betriebe können nicht alle Bereiche abdecken, dazu haben sie gar nicht die nötigen Mitarbeiter. Viele konzentrieren sich neben den Malerarbeiten auf ein Tätigkeitsfeld, wie zum Beispiel Putz- und Trockenarbeiten oder Bodenbelagsarbeiten“, sagt Sihler. Er rechnet damit, dass die Spezialisierung in den Betrieben in den nächsten Jahren verstärkt Thema sein wird. „Seine Kernkompetenzen zu kennen und sich dann darauf zu spezialisieren ist immens wichtig“, betont der Obermeister. Dies ist ein Wandel, der seiner Meinung nach passieren muss. „Mit reinen Malerarbeiten allein werden kleine Betriebe nicht überleben können.“
Nachwuchsgewinnung muss in der Schule beginnen
Auch ohne Nachwuchskräfte ist die Gefahr, dass Betriebe wegbrechen, groß. Deshalb ist Innungsarbeit gerade im Bereich Ausbildung wichtig. So wird das Thema bei den Vorstandssitzungen und der jährlichen Innungsversammlung immer wieder aufgegriffen. Alle zwei Jahre liegt der Fokus auf der Ulmer Bildungsmesse. Auf dieser ist die Innung Ulm/Alb-Donau-Kreis vertreten, um junge Menschen für das Maler- und Lackiererhandwerk zu begeistern.
Laut Sihler ist es problematisch, dass viel Eltern ihren Kindern eintrichtern „bloß nicht ins Handwerk zu gehen, sondern lieber studieren“. Eltern mit dieser Ansicht muss aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten das Handwerk für den Nachwuchs bietet. Das muss bereits in der Schule passieren. Hier fordert Sihler unter anderem eine stärkere Fokussierung auf technischen Unterricht, wie Werken. So können Schüler früh entdecken, welche Fähigkeiten in diesem Bereich in ihnen schlummern, sich ausprobieren und selbst Dinge erschaffen. Das weckt die Leidenschaft für handwerkliche Tätigkeiten, die den jungen Menschen erhalten bleibt und dann zu Entscheidungen für die handwerkliche Ausbildung führen kann.
„Noch vor einigen Jahren hieß es nach der Haupt- oder Realschule: So, jetzt bin ich 15, kann eine Ausbildung machen und Geld verdienen. Heute ist das nicht mehr so“, so Sihler. Im Gegenteil. Viele Eltern raten ihren Kindern, sich noch Zeit mit der Berufswahl zu lassen, z. B. erstmal ein Jahr im Ausland zu verbringen und dann im Anschluss einen Studienplatz anzustreben. „Das ist vor allem an Gymnasien der Fall. Ich bin mir aber sicher, dass auch einige Gymnasiasten im Handwerk besser aufgehoben wären“, meint Sihler. Sei es durch Betriebe, die ihren Beruf vorstellen und dann Praktika anbieten: Das Handwerk muss in Schulen wieder stärker in den Fokus rücken.
Bild: Verlag W. Sachon

