Nachwuchs

Wer nicht ausbildet, macht einen Fehler

Um Azubis zu gewinnen, sollten Betriebsinhaber manchmal auch ungewöhnliche Methoden anwenden. Hier lohnt ein Blick in die Gerüstbaubranche.

Was das Gerüstbaugewerk aktuell erlebt, erfahren auch andere – gleich ob Maler oder Lackierer, Schreiner oder Fliesenleger. Der Arbeitsmarkt ist wie leergefegt und eigene Fachkräfte haben Inhaber kaum ausgebildet. Dabei haben die Corona-Jahre etlichen Handwerkern in die Hände gespielt. Denn z.B. Gastronomen und Friseure konnten sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation nicht um Nachwuchs bemühen und selbst die Industrie war eher zögerlich Azubis einzustellen.

Gekommen, um zu bleiben

Bei dem sächsischen Gerüstbauer lernten in den Jahren bis 2013 pro Jahr zwischen zwei bis fünf Schulabgänger das Handwerk – die meisten blieben im Unternehmen. „Aktuell sind 80 Prozent unserer Mitarbeiter Eigengewächse“, sagt Stuber. Es gehe aber nicht nur um die Ausbildung selbst, sagt er, „vielmehr prägen wir die jungen Menschen in ihrer Arbeitseinstellung. Bei uns wird hart gearbeitet und dafür ganz gut verdient. Der Ton mag manchmal rau sein, aber wir kümmern uns sehr familiär umeinander. Und wir produzieren Arbeitssicherheit, für uns und für unsere Kunden.“

Seit 2020 rührt Gemeinhardt wieder ideenreich die Trommel für die Ausbildung im Gerüstbau. Seitdem haben gleich acht Azubis angefangen. Damit liegt das Unternehmen im Trend: Dümpelte die Anzahl der Azubis Mitte der 10er Jahre um die 700, stieg sie seit 2019 von 734 über 805 auf 843 im vergangenen Jahr. Ebenso stieg die Anzahl der Ausbildungsbetriebe auf 403. Das sind knappe 14 % aller deutschen Betriebe, meist haben sie mehr als zehn Mitarbeiter. Noch immer viel zu wenige, findet Stefan Häusele. Das Vorstandsmitglied der Sozialkasse des Gerüstbaugewerbes rät Betrieben, die bereits ausbilden, dranzubleiben. Denn wenn bereits Jüngere im Unternehmen arbeiten, tun sich die Firmen leichter, weitere Jugendliche für die Ausbildung zu gewinnen.

„Betriebswirtschaftlich lohnen sich Azubis für uns erst, wenn sie als Geselle weiter bei uns arbeiten“, stellt Stuber fest. Denn letztlich kostet ihn die Ausbildungsstunde genauso viel wie die Arbeitsstunde eines Monteurs – rund 40 Euro. Das liegt zum einen daran, dass Azubis bei Gemeinhardt 20 % mehr Lohn bekommen als im Tarifvertrag festgeschrieben. Außerdem sind die Lehrlinge etwa zwei Drittel der Zeit auf einer der Schulen in Berlin, Dortmund oder Groß-Gerau. Auch wenn er aktuell über den Bedarf ausbildet, sein Anliegen ist, dass möglichst viele Azubis nach der Prüfung bei ihm bleiben. Wenn nicht, dann bleibt der Unternehmer auch danach mit ihnen in Kontakt. Manchen Gesellen konnte er wieder zurückholen. Das kostet Zeit und viel Herzblut. Aber qualifiziertes Personal, das zu seinem Betrieb passt, ist der Schlüssel zum Erfolg, findet der Unternehmer.

Keine Resonanz bei klassischen Stellengesuchen

Einer, der seit längerer Zeit nicht mehr ausgebildet hat, ist Gerüstbau Eugen Wahner. Doch auch Inhaber Thorsten Wahner musste feststellen, dass er immer weniger ausgebildete Gerüstbauer für seinen 60-Mitarbeiter-Betrieb findet. Deshalb schaltete er zunächst einige Zeit Anzeigen in der Zeitung und auf Online-Portalen oder suchte über die Arbeitsagentur Azubis. Resonanz: null.

Weil er selbst schlicht mit Arbeit eingedeckt ist, hat er eine Medienagentur eine Werbekampagne entwickeln lassen. Wahner Gerüstbau ist in Schulen und auf Ausbildungsmessen präsent, sein Logo prankt auf Bussen und Gerüstbannern, die Homepage wird überarbeitet und in den entsprechenden Teilen passend für Jüngere gestaltet, außerdem hat ein Mitarbeiter zwei Comics entwickelt – über den Einstieg in den Betrieb und über Frauen im Handwerk. Satte 30.000 Euro hat Wahner investiert. „Wenn, dann müssen wir es richtig anpacken“, begründet er die hohe Summe, zumal das Unternehmen als Ganzes von der Werbung profitiert. Darin stecken auch die Kosten für vier 360-Grad-Videos von Baustellen. Mit einem Aufsatz fürs Handy bekommen die Nutzer ein lebensnahes Gefühl für die Arbeit in der Höhe – ein Highlight in Schulen und auf Messen. Ein anderes: Über sein CAD-Programm druckt er eine Aufbauanleitung für ein Mini-Gerüst aus. Dann lässt er die Jungen mit dem entsprechenden Material allein – nach dem Motto: Wer einen Ikea-Schrank aufbauen kann, schafft auch dieses Modell. Das Engagement und die Begeisterung sind groß, weil das Handwerk für die Jugendlichen fassbar wird.

Obwohl die Kampagne erst Mitte vergangenen Jahres startete, fingen im September drei Azubis an. Inzwischen sind es allerdings nur noch zwei, denn einem fehlte schlicht die Arbeitseinstellung. Für September hatte Wahner bereits im Frühjahr eine Bewerbung und über Ostern machten zwei weitere Schüler ein Praktikum in Sulzfeld am Main.

Um Azubis auf „etwas andere Art“ werben

War Gemeinhardt vor Corona noch Stammgast auf fast jeder Ausbildungsmesse der Umgebung, setzt der Betrieb inzwischen auf Werbung auf Pizza-Kartons und im Kino sowie auf Facebook, YouTube, Instagram und einem eigenen Tik-Tok-Kanal. „Wir wollen die Schüler und müssen ihnen das zeigen, indem wir uns im gleichen Umfeld wie sie bewegen“, begründet der 60-jährige Stuber das Engagement in den sozialen Medien.

Parallel arbeitet Gemeinhardt an seiner Arbeitgebermarke: Vor kurzem erhielten die Sachsen das Gütesiegel „Ausgezeichneter Ausbildungsbetrieb“. Das Besondere: Die Auszubildenden beantworten rund 100 Fragen über die Qualität ihrer Ausbildung – von den Ausbildungsinhalten über den Umgang mit ihnen bis zu Zukunftschancen. Außerdem erhebt die Ertragswerkstatt als Initiator der Auszeichnung weitere Kennzahlen wie Quote der übernommenen Azubis oder Anzahl der Ausbildungsabbrecher. Parallel dazu wurde das Unternehmen zusätzlich mit dem Arbeitgebersiegel „Great Place to Work“ ausgezeichnet. Das Verfahren ist ganz ähnlich – allerdings wurden sämtliche Mitarbeiter befragt. „Niemand kann die Qualität und die Kollegialität eines Unternehmens besser beurteilen als die Mitarbeiter selbst“, findet Stuber und freut sich deshalb besonders über die beiden Auszeichnungen: „Wir betreiben diesen Aufwand, weil wir keine Standard-Gerüstbauer suchen“. Schließlich rüsten die knapp fünfzig Angestellten keine Einfamilienhäuser ein, sondern sind Experten für den Spezialgerüstbau. Sie bauen Gerüste an 170 Meter hohen Türmen, hängend unter Brücken, an Talsperren, in der Industrie und an manch anderen schwer zugänglichen Orten.

Jens Gieseler
Journalist aus Tübingen

Bild: Wie auch in anderen Handwerksgewerken, fällt es der Gerüstbaubranche schwer, Auszubildende zu finden.
Quelle: goodluz/stock.adobe.com

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